Der Titicacasee ist einer dieser Orte, bei denen man auf Fotos denkt: nett. Und dann steht man in Puno am Ufer, die Luft ist so dünn, dass die Treppe zum Hostel zur Sporteinheit wird, und das Wasser ist von einem Blau, das man auf keinem Bildschirm hinbekommt. Ich habe dort eine Nacht schlecht geschlafen, nicht wegen des Lärms, sondern weil ich nachts um drei aufwachte und das Gefühl hatte, jemand hätte die Luft geklaut. Willkommen auf 3.812 Metern.
Was den Titicacasee so besonders macht, lässt sich in einem Satz sagen: Es ist der höchstgelegene schiffbare See der Welt, und er ist riesig. Aber dieser Satz erklärt nichts. Warum ist ein See auf fast 4.000 Metern überhaupt schiffbar? Warum ist das Wasser so kalt, dass ich nach zwei Sekunden wieder rausging? Und wie groß ist das Ding eigentlich wirklich? Genau darum geht es hier.
Wichtige Erkenntnisse
- Höhe: rund 3.812 Meter über dem Meeresspiegel — der höchste schiffbare See der Erde.
- Fläche: etwa 8.300 Quadratkilometer, geteilt zwischen Peru (Westen) und Bolivien (Osten).
- Tiefe: maximal 281 Meter, im Schnitt rund 107 Meter.
- Wassertemperatur: meist nur 10 bis 14 Grad — zum Schwimmen ungeeignet, erst recht ohne Akklimatisierung.
- Krokodile: keine. Das Wasser ist schlicht zu kalt.
- Bedeutung: für die Inka war der See heilig, die Sonneninsel gilt als mythischer Ursprungsort.
Was ist das Besondere am Titicacasee?
Der See liegt auf dem Altiplano, einer riesigen Hochebene in den Anden. Auf dieser Höhe gibt es normalerweise keine großen Seen, weil das Klima zu rau ist und die Verdunstung zu stark. Der Titicacasee ist die Ausnahme — und zwar eine gewaltige. Er speichert so viel Wasser, dass er das umliegende Klima mitbeeinflusst: Tagsüber wärmt die Wassermasse die Luft, nachts gibt sie Wärme ab, und das verhindert in Ufernähe harte Fröste. Wer in Puno übernachtet, merkt das.
Warum kann man auf einem See in 3.800 Metern Höhe Schiffe fahren?
Weil der See groß und tief genug ist, um echte Schifffahrt zu erlauben. Zwischen Puno und den bolivianischen Häfen verkehren Frachtschiffe, und das schon seit dem 19. Jahrhundert. Die dünne Luft spielt dabei kaum eine Rolle — die Schiffe schwimmen schließlich im Wasser, nicht in der Höhe. Was allerdings eine Rolle spielt: Der niedrigere Luftdruck macht die Motoren etwas schwächer und die Passagiere müder.
Der See als heiliger Ort
Für die Inka war der Titicacasee kein Touristenattraktion, sondern der Ursprung der Welt. Nach ihrer Überlieferung stieg der Sonnengott aus dem Wasser, und auf der Isla del Sol, der Sonneninsel, sollen die ersten Inka-Herrscher geboren worden sein. Bis heute pilgern Menschen zur Basilika von Copacabana am bolivianischen Ufer. Ehrlich gesagt: Ich bin kein religiöser Mensch, aber als ich am Morgen auf der Sonneninsel stand und die Sonne über dem Wasser aufging, habe ich kurz verstanden, warum sich jemand diesen Ort als Anfang der Welt ausgedacht hat.
Wo liegt der Titicacasee — und wie groß ist er?
Der See liegt im Herzen Südamerikas, eingeklemmt zwischen Peru und Bolivien. Rund 56 Prozent gehören zu Peru, der Rest zu Bolivien. Die Grenze verläuft mitten durch das Wasser. Auf der peruanischen Seite liegt Puno, auf der bolivianischen Copacabana. Wenn Sie auf der Titicacasee Karte schauen, fällt auf, wie unregelmäßig die Form ist: Der See hat mehrere große Buchten, eine schmale Verbindung im Süden und eine ganze Reihe von Inseln.
| Merkmal | Wert |
|---|---|
| Höhe über dem Meer | ca. 3.812 m |
| Fläche | ca. 8.300 km² |
| Maximale Tiefe | 281 m |
| Durchschnittstiefe | ca. 107 m |
| Länge (Nord-Süd) | rund 178 km |
| Breite | rund 77 km |
| Wasservolumen | etwa 893 km³ |
| Zuflüsse | u. a. Río Ramis, Río Coata, Río Ilave |
| Abfluss | Río Desaguadero (Richtung Poopó-See) |
Titicacasee: welches Land?
Beide — und das sorgt bei Reisenden regelmäßig für Verwirrung. Wer von Peru aus anreist, landet meist in Puno und macht von dort Tagesausflüge zu den Uros-Inseln und nach Taquile. Wer von Bolivien kommt, startet in Copacabana und fährt zur Isla del Sol. Die Grenze ist für Touristen unkompliziert, aber Sie brauchen einen gültigen Einreisestempel. Ich habe auf dem Boot von Puno nach Copacabana eine halbe Stunde an der Grenzkontrolle gewartet. Kein Drama, aber einplanen.
Zuflüsse und der einzige Abfluss
Mehrere Flüsse speisen den See von Norden und Westen, der größte davon ist der Río Ramis. Der einzige nennenswerte Abfluss ist der Río Desaguadero im Süden, und der ist im Verhältnis zur Seeoberfläche überraschend klein. Das bedeutet: Der See verliert den größten Teil seines Wassers durch Verdunstung, nicht durch Abfluss. Bei der trockenen Luft auf dem Altiplano verdunstet enorm viel. Deshalb schwankt der Wasserspiegel über die Jahre deutlich.
Kann man im Titicacasee schwimmen?
Theoretisch ja. Praktisch: viel Glück. Die Wassertemperatur liegt das ganze Jahr über meist zwischen 10 und 14 Grad. Das ist kalt — so kalt, dass die meisten Menschen nach wenigen Minuten zittern. Ich habe es versucht, im Februar, an einem sonnigen Nachmittag am Strand von Copacabana. Ich bin reingegangen, bis zu den Knien, und war nach zwanzig Sekunden wieder draußen. Es war, als würde ich in einen Gebirgsbach steigen.
Warum ist das Wasser so kalt?
Drei Gründe kommen zusammen: Die hohe Lage bedeutet dünne Luft und starke Verdunstung, die dem Wasser Wärme entzieht. Die große Wassertiefe sorgt dafür, dass sich die oberen Schichten nicht so schnell aufheizen wie in einem flachen See. Und die Anden liefern nachts kühle Temperaturen, die das Wasser selbst im Sommer nicht wirklich warm werden lassen. Wer schwimmen will, braucht Neopren und eine gute Portion Sturheit.
Ein größeres Problem als die Kälte: die Höhe
Bei 3.800 Metern ist der Sauerstoffpartialdruck deutlich niedriger als auf Meereshöhe. Für gesunde Menschen ist ein kurzer Aufenthalt unproblematisch, wenn sie sich langsam akklimatisieren. Wer direkt aus Lima anreist und am ersten Tag eine Bootstour macht, wird es bereuen. Planen Sie zwei bis drei Tage für die Gewöhnung ein, trinken Sie viel Wasser, und lassen Sie den ersten Tag ruhig angehen. Wenn Sie zu Kreislaufproblemen neigen, sprechen Sie vorher mit einem Arzt.
Wie tief ist der Titicacasee?
Die maximale Tiefe beträgt 281 Meter. Das ist nicht rekordverdächtig im globalen Vergleich — der Baikalsee kommt auf über 1.600 Meter —, aber für einen See dieser Höhe ist es beachtlich. Die tiefste Stelle liegt im Nordosten, im bolivianischen Teil. Die mittlere Tiefe liegt bei etwa 107 Metern, was bedeutet: Der See ist kein flacher Tümpel, sondern ein echter Wasserkörper mit eigenem Profil.
Gibt es Krokodile im Titicacasee?
Nein. Krokodile brauchen warmes Wasser, und bei 10 bis 14 Grad überleben sie schlicht nicht. Die einzigen Tiere, vor denen Sie sich in Acht nehmen müssen, sind Mücken am Ufer und — je nach Jahreszeit — die Kälte. Ein Bekannter von mir hatte tatsächlich Sorge, als er die Frage vor der Reise googelte. Ich kann ihn beruhigen: Das größte Risiko am Titicacasee ist die Höhenkrankheit, nicht ein Reptil.
Die Inseln: Uros, Taquile und die Sonneninsel
Die berühmtesten Inseln sind die Uros-Inseln — schwimmende Inseln aus Schilfrohr, die von Hand aufgeschichtet und instand gehalten werden. Rund 40 solcher künstlichen Inseln gibt es heute, sie werden von Familien bewohnt und sind das meistbesuchte Ziel von Puno aus. Ich war skeptisch, ob das nicht reine Tourismus-Show ist. Es ist teilweise Show, ja, aber die Leute leben dort tatsächlich — und die Instandhaltung ist Knochenarbeit.
Taquile und Amantani
Taquile ist bekannt für seine Textilkunst, die zum immateriellen Kulturerbe gehört. Amantani ist ruhiger und eignet sich für Übernachtungen bei Gastfamilien. Wer eine Nacht dort bleibt, sieht den See ohne Tagesausflügler — und merkt, wie still es auf einem See sein kann, der so groß ist wie ein kleines Bundesland.
Isla del Sol auf der bolivianischen Seite
Die Sonneninsel ist der mythologische Kern. Es gibt dort keine Fahrzeuge, nur Fußwege, Treppen und ein paar Dörfer. Der Aufstieg vom Anleger ist steil und auf 3.800 Metern anstrengend. Rechnen Sie mit einer Stunde, wenn Sie nicht akklimatisiert sind.
Was bleibt von einem Besuch
Ich erinnere mich weniger an die Zahlen als an eine Szene: Ein alter Mann auf Taquile, der mir zeigte, wie er Wolle spinnt, während im Hintergrund der See in der Sonne glänzte, als wäre er aus Metall. Er sagte etwas auf Quechua, ich verstand kein Wort, und trotzdem war klar, was er meinte.
Der Titicacasee ist kein Ort, den man schnell abhakt. Er ist ein Ort, an dem die dünne Luft einen zwingt, langsamer zu werden. Vielleicht ist das die eigentliche Besonderheit: nicht die Höhe, nicht die Fläche, sondern die Tatsache, dass man dort oben gar nicht anders kann, als innezuhalten. Wer mit offenen Augen hinfährt, kommt mit mehr zurück als nur Fotos.